Seite wählen

„Du bist mir zu wenig du selbst“ – Was Hermann Hesse über authentisches Marketing wusste

von | 12. Juli 2020

In Hermann Hesses Narziss und Goldmund wird eine Freundschaft beschrieben, in der einer etwas darstellen will, um dem anderen zu gefallen. Beide lernen, dass es nichts bringt, sich Ideale überzustülpen, die der eigenen Natur nicht entsprechen. Gleiches gilt für dein Marketing.

Narziss ist Novize an einem mittelalterlichen Kloster. Extrem intelligent und gebildet gibt er Unterricht an der Klosterschule. Goldmund, um einiges jünger, ausstrahlungsstark und auf andere Weise klug, bewundert Narziss zutiefst. Er möchte genau so sein wie er und ist überzeugt, dass der Weg des Gelehrten auch der seine ist. Mit Fleiß, denkerischem Ehrgeiz und viel Lernerei möchte er den bewunderten Narziss beeindrucken. Die beiden werden Freunde.

Narziss aber hat die Fähigkeit, Menschen wahrhaft zu sehen und zu verstehen. Durch ihre Masken und all das Erlernte, Konditionierte hindurch. Schnell erkennt er Goldmunds wahres Potenzial, das ein ganz anderes ist, als dieser selbst annimmt.

Immer wieder gibt er Goldmund Hinweise und lässt sich seinen Bemühungen, einen Intellektuellen darzustellen, nicht täuschen. Goldmund aber verzweifelt. Er bemüht sich doch so sehr und will endlich für sein Streben von Narziss anerkannt werden. Eine besonders berührende, voll tiefer Weisheit steckende Szene entsteht, als Goldmund fragt, warum Narziss ihn und seinen Intellektualismus nicht ernst nimmt. Denn Narziss sagt:

Ich nehme dich ernst, wenn du Goldmund bist. Du bist aber nicht immer Goldmund. Ich wünsche mir nichts anderes, als dass du ganz und gar Goldmund würdest. Du bist kein Gelehrter, du bist kein Mönch — einen Gelehrten oder einen Mönch kann man aus geringerem Holz machen. Du glaubst, du seiest mir zu wenig gelehrt, zu wenig Logiker, oder zu wenig fromm. Oh nein, aber du bist mir zu wenig du selbst.

Anfangs versteht Goldmund nicht, was sein Freund meint – aber die Gespräche häufen sich. An einem Punkt bricht es unkontrolliert aus Narziss heraus und er offenbart ihm die beiden Pole, die sie als Freunde repräsentieren: den intellektuell-denkerischen, den Geistigen, und den seelisch reichen Erlebnismenschen. Goldmunds eigentliche Natur, eine lebendige Künstlerseele, wurde aufgrund traumatischer Kindheitserfahrungen verdrängt und abgespalten. Narziss beschreibt:

Die Naturen von deiner Art, die mit den starken und zarten Sinnen, die Beseelten, die Träumer, Dichter, Liebenden, sind uns anderen, uns Geistmenschen, beinahe immer überlegen. Eure Herkunft ist eine mütterliche. Ihr lebet im Vollen, euch ist die Kraft der Liebe und des Erlebenkönnens gegeben. Wir Geistigen, obwohl wir euch andere häufig zu leiten und zu regieren scheinen, leben nicht im Vollen, wir leben in der Dürre. Euch gehört die Fülle des Lebens, euch der Saft der Früchte, euch der Garten der Liebe, das schöne Land der Kunst. Eure Heimat ist die Erde, unsere die Idee. Eure Gefahr ist das Ertrinken in der Sinnenwelt, unsere das Ersticken im luftleeren Raum. Du bist Künstler, ich bin Denker.“

Und er erklärt Goldmund auch, woher das kommt – und wie blind er für sich selber ist. Durch diese Gespräche brechen Goldmunds traumatische Kindheitserinnerungen auf und er kann integrieren, was eigentlich zu ihm gehört. Seiner wahren Natur folgend verlässt er das Kloster – und erfährt im Laufe der weiteren Geschichte die Welt immer mehr so, wie es der erlebenden, seelisch reichen Künstlerseele entspricht.

Hesse hat das nicht nur wunderschön in Worte und Bilder gefasst – es ist wie ein Schlüssel zur eigenen Seele – sondern auch so treffend auf den Punkt gebracht, was „echt sein“ bedeutet. Und dass wir Menschen eigentlich ein ganz genaues Gespür dafür haben. Dass es überhaupt nichts bringt, sich zu verstellen und Ideale überzustülpen – und dass es schon seinen Sinn hat, dass wir verschieden sind,

Ich nehme dich ernst, wenn du Goldmund bist. (..) Du glaubst, du seiest mir zu wenig gelehrt, zu wenig Logiker, oder zu wenig fromm. Oh nein, aber du bist mir zu wenig du selbst.

Wenn du also ein Business in die Welt trägst, nimm dir dieses Gleichnis zu Herzen. Denk nicht darüber nach, wovon du „zu wenig“ hast und wie du gerne sein würdest. Betreibe kein Marketing mit schönem Schein, der dich und dein wahres Selbst versteckt.

Die Menschen, die auf dich warten, sehen dich, schätzen dich und nehmen dich gerade dann ernst, wenn du einfach du bist.

Spread the love ❤️

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.